Ich weiß nicht, ob ihr das kennt, wenn man in eine völlig andere Kultur eintaucht und plötzlich merkt: Die ticken hier irgendwie ganz anders als wir. Wir waren bis letzten Sonntag zur Adventure Tour. Wir sind bis Bulgarien zum Rila Kloster gefahren. Und auf dem Weg haben wir so viele verschiedene Arten von Gastfreundschaft in Südosteuropa kennengelernt. Das ist auch einer der Gründe, warum ich dort so gern unterwegs bin. Die Mentalität der Menschen ist einfach anders.
In Rumänien haben wir das Kinderheim und Gheorge besucht. Gheorge hat für uns Abendessen organisiert. Und ich weiß nicht, was er dem Koch gesagt hat, wie viele Leute kommen. Es hätte noch für mindestens 20 Leute mehr gereicht. Und wehe, du hast etwas ausgetrunken oder aufgegessen. Das ist im Balkan ein Zeichen für: Mach mir meinen Teller oder mein Glas wieder voll. Und wenn Schnapsgläser so groß sind wie Saftgläser, sollte man damit sehr weise umgehen.
Wir sind dann weiter über Serbien gefahren und haben Bernd und Darko besucht. Darko hat für uns vor Ort mit dem Hotel alles organisiert und durften nicht ohne Geschenke weiterfahren.
In Bulgarien waren wir bei Martin. Letztes Jahr haben wir bei einem CMS-Baueinsatz ein Carport auf seinem Gelände gebaut. Martin baut dort gerade eine missionarische Arbeit auf und wir als CMS unterstützen ihn auch dieses Jahr wieder mit einem Baueinsatz. Dieses Mal haben Martin und seine Frau Bisi für uns gekocht. Es gab Lamm aus dem Lehm-Backofen. Ich sag euch, ich habe selten etwas gegessen, was vergleichbar gut geschmeckt hat. Das Lamm hat den ganzen Tag im Backofen verbracht. Und es war es ihnen einfach wert, uns gute Gastgeber zu sein, dieses Lamm zu organisieren und für uns als Gruppe den ganzen Tag in der Küche zu stehen. Abends kamen dann auch noch Leute aus der Nachbarschaft dazu. Und dort ist es absolut selbstverständlich, dass man Dinge wie Essen gemeinsam genießt und teilt, was man hat. Du brauchst Tomaten? Nimm dir! Du brauchst Zwiebeln? Hier, greif zu! Das ist ein Stück Balkan-Mentalität. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mal, ob es sowas wie den Straftatbestand „Mundraub“ in diesem Kulturkreis überhaupt jemals gegeben hat.
Als wir dann auf der Rückfahrt waren, haben wir im Süden Rumäniens an der Donau ein Quartier gebucht. Das war eigentlich eine Unterkunft für Fahrradfahrer, die am Donau-Radweg unterwegs sind. Ein älteres Ehepaar hat dort ihr Haus ein bisschen umgebaut, um Zimmer zu vermieten. Der Sohn der beiden – Mitte 20 – wohnt inzwischen in Bukarest. Er hilft seinen Eltern aber bei den Buchungen und ist ab und zu mit da, weil die beiden nur schlecht Englisch können. Nach dem ersten Kontakt war sofort klar, dass wir dort extrem willkommen sind. Der Sohn war so begeistert, dass da plötzlich 12 Motorradfahrer kommen wollen, dass er extra für uns 2 Stunden aus Bukarest hergefahren ist, um seinen Eltern zu helfen und uns kennenzulernen. Und der Clou an der ganzen Geschichte: Der Hausvater heißt Robert Valentin. Wir haben ihm dann zur Begrüßung erstmal unseren Roberto und seinen Sohn Valentin vorgestellt. Und ab der ersten Minute, die wir da waren, hatten wir das Gefühl, dass wir Teil dieser Familie sind. Die Mutter hat für uns typisch rumänisch gekocht, ein paar von uns haben sich kurzerhand im Garten unter dem Gartenschlauch geduscht. Und selten habe ich Menschen kennengelernt, die uns als völlig Fremde so willkommen heißen, als wären wir ihre eigene Familie.
Wir haben ihnen dann abends erzählt, dass wir jeden Morgen beten und dass wir an Jesus glauben. Darüber haben sie sich riesig gefreut und der Sohn erzählte mir, dass sie auch an Jesus glauben und beten. Rumänien gehört bis heute heute zu den Ländern in Europa, die kulturell am meisten mit dem christlichen Glauben verbunden sind. Ein sehr großer Teil der Leute dort gehört der christlich-orthodoxen Kirche an. Natürlich gibt es auch dort Christen, die ihren Glauben bewusster leben als andere. Aber ich glaube, dass ein Stück dieser Kultur, dieser weiten Gastfreundschaft, die wir dort erleben, auch direkt aus ihrem Glauben kommt.
Wenn wir in die Bibel schauen, merken wir, dass diese radikale, weitherzige Gastfreundschaft, diese Großzügigkeit, kein kulturelles Zufallsprodukt ist. Sondern es ist ein Grundwert in der Bibel.
Im Alten Testament finden wir sehr viele praktische Anweisungen, wie das Volk Israel Großzügigkeit leben soll. In 3. Mose gibt es z.B. die konkrete Anweisung, dass man bei der Ernte die Ränder der Felder nicht abernten sollte und die Nachlese nicht einsammeln soll, damit Arme und Fremde davon leben können.
Und im Neuen Testament finde ich eine sehr spannende Sache, wie Paulus in 1. Timotheus 3 darüber schreibt, was einen Gemeindeleiter auszeichnet. Wenn wir an Gemeindeleiter oder Pfarrer denken, ist unser erster Gedanke oft: Priorität Nr. 1: Der muss predigen.
Aber Paulus setzt andere Prioritäten. Paulus schreibt: Ein Gemeindeleiter muss vor allem 1. ein vorbildliches Leben führen, d.h. Treue und Besonnenheit usw. und 2. „ihn muss Gastfreundschaft auszeichnen“ – und dann kommt erst … „und er muss fähig sein zu lehren.“ Das heißt, bei Paulus ist die Prioritätenliste: 1. Vorbildliches Leben, 2. Gastfreundschaft und dann erst kommt: Er soll predigen können.
Ich glaube, dass Gastfreundschaft eine von vielen Sachen ist, die aus Großzügigkeit entspringt. Und Großzügigkeit ist einer der grundlegendsten Charakterzüge Gottes. Und genau deshalb ist Großzügigkeit nicht nur ein Thema für Gemeindeleiter, sondern für jeden Christen.
Warum ist Großzügigkeit so wichtig für Gott?
Ich glaube einer der Gründe ist, dass Großzügigkeit eine der universellsten Sprachen ist, die wir als Christen sprechen können. Wir denken immer, dass wir theologisch ganz viel erklären müssten, wenn wir andere Leute für Jesus begeistern wollen. Aber ich glaube, die Sprache, die deutlicher, lauter und klarer ist als jede theologische Ausführung, ist Großzügigkeit. Und sie wird in jeder Sprache und jeder Kultur verstanden. Welche Kraft diese Großzügigkeit hatte, sehen wir schon bei den ersten Christen.
Aber bevor ich den Text aus Apg 4 gleich lese, möchte ich kurz was dazu sagen, in welcher Situation sich diese Gemeinde eigentlich befand. Wenn wir heute diese Berichte in der Bibel lesen, haben wir oft so ein romantisches Bild vor Augen: Alle sitzen harmonisch im Kreis, haben sich lieb, teilen ihr Brot und alles ist friedlich. Ein idyllischer, frommer Club. Aber die Realität damals war eine völlig andere. Die Gemeinde stand unter massivem Druck. Es ging im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod. Nur ein paar Verse vorher, am Anfang von Apg 4, werden Petrus und Johannes verhaftet. Sie werden vor den Hohen Rat geschleppt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie vor exakt den gleichen Leuten standen, die kurz zuvor Jesus ans Kreuz geliefert hatten. Sie wurden verhört, bedroht und bekamen ein striktes Redeverbot: „Ihr redet kein Wort mehr über diesen Jesus!“ Die römische Besatzungsmacht war brutal, die religiöse Elite der Juden war hochgradig feindselig gegenüber den Christen. Das heißt, sie stehen unter akuter Bedrohung. Von allen Seiten. Und ich gehe davon aus, dass viele von ihnen Angst hatten, denn das geht nicht einfach so an dir vorbei.
Was Unsicherheit und Angst mit Menschen macht, das sehen wir ganz gut, wenn wir uns heute in unserer Gesellschaft umschauen. Wir leben zwar im Moment nicht in einem Kriegsgebiet, aber viele fragen sich wie lange es noch dauert, bis es so weit ist. Viele sind verunsichert, viele haben Angst um die Zukunft und ihre Existenz. Und die Reaktionen reichen von Angst über lautes Beschweren bis hin zur völligen Resignation.
Aber was macht die erste Gemeinde in dieser Situation? Sie baut keine Bunker. Sie fängt nicht an, sich politisch zu beschweren oder in Panik zu geraten. Sie kommen zusammen und beten. Aber sie beten nicht: „Herr, nimm die Verfolgung weg und mach unser Leben gemütlich.“ Sie beten: „Herr, gib uns allen Mut und Vollmacht, dein Wort trotz aller Bedrohung weiterzusagen.“ In Apg 2 lesen wir, was dann passierte: Der Ort, an dem sie sich getroffen haben, fing an zu beben und sie wurden vom Heiligen Geist erfüllt. Das war Pfingsten. Das war die Geburtsstunde der Kirche.
Und genau aus dieser Kraft, aus dem Heiligen Geist, mitten in dieser extremen Krisenzeit, bricht eine Lebensweise hervor, die die Welt noch nicht gesehen hatte. Und das lesen wir in Apostelgeschichte 4 ab Vers 32:
„Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig, der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.“
Wenn wir das heute in unserer Kultur hören, klingt das fast wie eine unerreichbare Utopie. Ein Herz und eine Seele. Alles teilen. Keiner leidet Mangel. Wer von sich sagt: Das erlebe ich GENAU SO in meiner Gemeinde, komm bitte hinterher zu mir, ich möchte lernen, wie man solche Gemeinden baut.
Und Hand aufs Herz – die Frage ist doch: „Wenn das schon nicht in meiner Gemeinde funktioniert, was soll ich damit in meinem ganz normalen Alltag anfangen? Ich habe einen ganz normalen Job, Rechnungen, die bezahlt werden müssen, familiäre Verpflichtungen und ganz weltliche Alltagssorgen. Was soll ich denn jetzt damit anfangen? Soll ich jetzt nach Hause gehen und mein Haus und alles, was ich habe, verkaufen?“
Um diese Antwort vorwegzunehmen: Nein, ich denke nicht, dass es darum geht, dass wir heute alle nach Hause gehen und unseren kompletten Besitz verkaufen. Ich denke, was wir hier lesen können, ist eine Art, wie Großzügigkeit sichtbar werden kann.
Die Sache ist, das es bei Großzügigkeit gar nicht in erster Linie darum geht, wie viel du von deinem Besitz abgibst, sondern um deine Herzenshaltung, WIE du mit in deinem Leben umgehst. Mit deiner Zeit, deinem Geld, dem was du hast.
Großzügig zu sein bedeutet nicht, dass du hinterher nichts mehr besitzen darfst. Wir lesen in der Bibel von vielen Leuten, die reich waren und ihren Reichtum auch nicht verloren haben – aber trotzdem eine großzügige Herzenshaltung hatten. Von Abraham wissen wir, dass er riesige Viehherden, Silber und Gold besaß. Aber trotzdem lässt er seinen Neffen Lot das bessere Weideland auswählen. Auch das ist Großzügigkeit.
Und da ist die eigentliche Frage: Wie kommen wir zu dieser Herzenshaltung von Großzügigkeit? Und wo ist der Punkt in meinem Leben, wo ich Großzügigkeit lernen kann?
Ich denke, dabei kann uns dieser Josef helfen, von dem in den letzten beiden Versen unseres Textes die Rede ist. Der hat seinen Acker verkauft und das Geld den Aposteln bzw. der Gemeinde gegeben. Was ist mit dem passiert, dass der diese Entscheidung getroffen hat?
- Der Blickwechsel: Vom Kritiker zum Ermutiger – Großzügig in der Liebe
- Großzügig mit Besitz
- Großzügig mit Macht & Einfluss
- Großzügig, Menschen zu senden